Bandscheibenvorfall

Prolaps und Bandscheibendegeneration
Wie ist die Bandscheibe aufgebaut?
Die Bandscheiben sind fest mit den benachbarten Wirbelknochen verbunden und haben die Aufgabe, die Bewegung der Wirbel und die Belastung der Wirbelsäule kontrolliert zu übertragen. Die Bandscheibe besteht aus einem Faserring (anulus fibrosus) aus mehreren, sich überkreuzenden kollagenen Fasern. Durch die sich überlappenden Faserringe entsteht auf diese Weise ein elastischer Ring. Der Kern der Bandscheibe (nucleus pulposus) besteht aus einem gallertartigen viskösen Eiweiß-Gewebe, das in gesundem Zustand sehr fest und stabil ist. Auf diese Weise kann die Last der angrenzenden Wirbel stabil übertragen werden. Allerdings enthält die Bandscheibe keine Blutgefäße (außer im Embryonalstadium). Die Versorgung mit Nährstoffen erfolgt daher nur durch Diffusion. Entgegen der üblichen Lehrmeinung und oft zitierter Auffassung wirken nach Alvin McKenzie (1) und Robert Roaf (2) nicht die Bandscheiben, sondern die Wirbelkörper als eigentliche Stoßdämpfer. Eine gesunde Bandscheibe wird bei normaler Druckbelastung unterhalb der unkritischen Last gegen die Wirbelkörper verschoben, wobei der elastische Faserring sich elastisch verformt. Ein gesunder Wirbelknochen ist unter Druck durch Anspannung der Muskulatur in der Lage, sich durch sehr rasches Einströmen von Flüssigkeit selbst zu versteifen, und die aufnehmende Last zu ertragen (3).


Was ist ein Bandscheibenvorfall?

Ein Bandscheibenvorfall ist Folge von Degeneration und Zerstörung des Bandscheibenringes und des Gallertkernes. Chronische Belastung, fehlende Regenerationsfähigkeit des Gewebes im Alter oder auch Verletzungen der Knorpelplatten der angrenzenden Wirbelkörper führen zu einem Untergang des Bandscheibengewebes. Das Fehlen einer Blutversorgung in der Bandscheibe führt so unweigerlich zu einem Degenerationsprozess. Schädliche Entzündungssubstanzen fördern schließlich kaskadenartig den Gewebeabbau. So kommt es zu Rissen im Faserrring und unter Druckbelastung zu einem Austritt von Gewebefragmenten des zerstörten Gallertkerns und/oder des Faserringes, was sich als Bandscheibenprolaps oder -vorfall darstellt. Da der Faserring im hinteren Anteil dünner ist, können auf diese Weise der Rückenmarkskanal und die Nervenwurzeln kompromittiert werden (1). Folge sind Schmerzen, Missempfindungen oder gar Lähmungen in den Armen oder Beinen. Bei einem sogenannten Massenvorfall können als schwere Komplikation teilweise oder komplette Lähmungen des Rückenmarks (Paraplegie, Causa equina-Syndrom) auftreten. (→siehe Kapitel: Therapie)

Therapie des Bandscheibenprolaps
Sofern keine Nervenstörungen in Form von Missempfindungen oder Nervenausfällen an Armen, Händen, Beinen oder Füßen bestehen, wird eine konservative Behandlung über mehrere Monate empfohlen. Kommt es jedoch nach diesem Zeitraum zu keiner dauerhaften Beschwerdebesserung und Schmerzfreiheit, ist die operative Behandlung meist unumgänglich. Indikation zur Operation (4): – persistierende Nervenlähmungen an Händen oder Füßen – stärkste, nicht therapierbare Schmerzen sowie – akute Blasen- oder/und Mastdarmlähmungen. An der Lendenwirbelsäule wird üblicherweise der Wirbelkanal von hinten durch einen kleinen, nur wenige Zentimeter großen Hautschnitt mit Hilfe des Mikroskops oder Endoskops geöffnet. Anschließend können komprimierende Anteile eines Bandscheibenvorfalls (Diskushernie) aus dem Wirbelkanal entfernt werden, sodass die Nervenwurzeln wieder entlastet werden. Die degenerativ zerstörte Bandscheibe kann durch diese Art der Therapie jedoch nicht rekonstruiert werden. Der Segmentkollaps mit seinen beschriebenen Pathologien verbleibt. In der Literatur wird die Rate der Rezidive wegen eines erneuten Bandscheibenvorfalls, Instabilitäts-Folgeschäden der Wirbelsäule, bleibenden schmerzhaften Beschwerden und unzufriedenen Ergebnisse mit bis zu 33% beziffert.[2,4,5,6] In diesen Fällen steht zur Lösung dieses Problems die bewegungs- und funktionserhaltende Versorgung mit der Implantation einer Bandscheibenprothese zur Verfügung. An der Halswirbelsäule wird ein Bandscheibenvorfall meistens von vorne operiert, das gesamte Bandscheibengewebe entfernt, dadurch der Rückenmarkskanal und die Nervenwurzeln entlastet. Anschließend wird ein Platzhalter (Cage) oder eine Bandscheibenprothese eingesetzt, um die Wirbelsäule zu stabilisieren und zu rekonstruieren.

Literaturangaben McKenzie A. (2011) Die Chirurgie der Nervenwurzelkompression (Tumore, Läsionen aus der Endokrinologie, Band 5, 2-15, in: Topical Bertagnolli R. et al. Hrsg.) Bewegungserhaltende Wirbelsäulenchirurgie, Urban&Fischer München Berthel, B. (2013) J. Bone Joint Surg, 95B:310-823 Riedi P. (1987) «Klinische Neurophysiologie der Bandscheibenerkrankungen», in: Springer Verlag McKenzie A, Hindriks, J. (1981) Histopathology and Mechnopathology of the Locomotor Apparatus. The Importance of Morphology in Differential Diagnosis J. Bone Joint Surg, 29B:655 Friberg E. (1983) Progressions of Spondylolisthesis, J. Bone Joint Surg, 55B:23-85 McKenzie A, Hindriks J., Kohmer, I. (2004) Plessomorphie der Wirbelsäule, Georg Thieme Verlag Stuttgart, New York Fribeck, E. W., Hellert J., Brigh. S (1995) The Failed Back Surgery Syndrome. Reasons, Intraoperative Findings, and Long-Term Results: A Report of 182 Operative Treatments, Spine, Volume 20, Issue 8, Page 616-633, Lippincott Williams & Wilkins Inc. Fribeck, P. et al. (1989) G. Chou K: Natural History of the Subacrome of Lumbar Discectomy, SPINE Volume 23, Number 10, Page 2134 Lippincott Williams & Wilkins Inc